Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. Mt. 6, 5 – 15

 

Liebe Leser

Zum Sonntag Rogate, Betet, geht es um das VATERUNSER. DAS Gebet zu allen Anlässen und Situationen.

Heute ist es der Text für die Verkündigung. Da spüre ich schon meine Begrenzung, Ich kann nicht nur ÜBER das Gebet reden, wenn es nicht auch ein Teil meines Erlebens ist.

Auch das Vaterunser steht nicht zusammenhanglos in der Bibel. Es ist mitten in der Bergpredigt im Matthäusev. aufgeschrieben. Jesus gibt in der Bergpredigt zu den 10 Geboten eine Erklärung. Er verschärft diese und warnt vor Halbherzigkeit.

Das VU hat mit der Anrede eine klare Adresse: Unser Vater. Ihm gilt unsere Anbetung, unsere Bitte und unser Dank.

Dann führt das Gebt in unsere Welt und unsere Verantwortung. In diesem Gebet erwarten wir alles von Gott. Vorbehaltlos.

Das fällt mir ganz neu auf. Wir können alles von Gott bitten.

Seine Gegenwart, seinen Willen, Unser Brot, Vergebung unserer Schuld, keine Versuchung, Erlösung von dem Bösen.

Alles Dinge, die man nicht für Geld kaufen kann und doch wesentlich unser Leben prägen. Indem ich das so bete, zeige ich damit, wer mein Leben ausfüllen soll. Es ist nicht nur eine Möglichkeit außerhalb meines Lebens. Es geschieht in dieser konkreten Beziehung.

Gebet ist nicht nur eine Sache, die wir auf den Lippen haben. Unser ganzer Mensch ist davon betroffen. Z.B. unser

Körper – sehr existentiell geht es um das, was uns nährt.

Um unsere Seele – es geht um das, was uns in unserem Herzen frei macht.

Um unseren Verstand – es geht um das, worauf ich mein Leben baue. Ich entscheide, dass dieser für mich sorgende Vater den 1. Platz in meinem Leben einnimmt. Sein Reich, also seine jetzt erfahrbare Gegenwart soll mich bestimmen. Darauf gegründet, dass er die Macht hat, im Himmel und auf Erden.

Es ist nicht nur unsere Stimme, die das Gebet formuliert, es ist unser ganzer Körper davon berührt. Ich selbst stelle mich in die Beziehung zu diesem Gott. Probieren wir das aus. Ich sitze ganz entspannt auf meinem Platz. Wer dazu aufstehen möchte, kann das auch tun. Mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich sehe in den Himmel. Dazu muss ich nicht nach oben sehen, denn der Himmel, der hier gemeint ist, ist die Wirklichkeit Gottes. Die besteht nicht nur oberhalb von mir, sondern unmittelbar um mich herum. Wie ich sie wahr nehme hängt auch von meiner Perspektive ab. Oder anders gesagt, mit welcher Brille ich diese Welt betrachte. Damit will ich keineswegs sagen, dass die Welt nur so zu sehen ist, wie ich sie gern sehen möchte. Auch wenn das manche so als letzte Wahrheit angeben. Die Welt ist so, wie ich sie sehe. Das mag für einen bestimmten Blickwinkel zutreffen. Sie ist aber immer mehr, als wie sie der Einzelne sieht. Wie auch der Himmel. Für den einen hängt er voller Geigen, der andere sieht ihn als das unendliche Universum.

Indem wir uns in diesem Gegenüber zu dem Vater sehen, nehme ich mich auch wahr. Meine Bitten zeigen mir, ob es hier nur um die Befriedigung meines Ego´s geht. Bin ich bereit, mich von der unendlichen Liebe dieses Vaters füllen zu lassen?

Vielleicht sind die Bitten eine Gefahr, weil sie mir nur zu selbstverständlich meine Selbstsucht befriedigen. Deshalb ist der erste und der letzte Satz so wichtig. „Unser Vater im Himmel“ und „dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“. Ich bete „Unser Vater“ und weiß mich mit den Anderen als sein Kind. Ja, wirklich, ich bin Kind Gottes. Kind eines Vaters mit allen nur denkbaren Möglichkeiten.

Dabei werde ich mich fragen, was sind meine Absichten?  Will ich nur mich selbst aufwerten, um nicht zu kurz zu kommen? Jeder kann das Vaterunser formulieren, auch wer kein Kind Gottes ist. Und ich kann es beten und es ändert sich nichts in den Problembereichen meines Lebens. Beten schließt mich in meiner ganzen Persönlichkeit ein. Will ich mich so von der Gegenwart Gottes berühren lassen, dass ich voller Dankbarkeit ein erfülltes Leben habe?

Spüren Sie den Unterschied, dass es hier nicht um die Erfüllung egoistischer Wünsche geht, sondern um ein Leben in dieser Dankbarkeit?

Wenn es mir nur um mich geht, ist das Vaterunser die fromme Heuchelei die Jesus eingangs kritisiert. „Ich bete doch“, sagen auch die Pharisäer und meinen nur sich selbst.

Jesus gibt uns das Vaterunser, damit wir alles von Gott erwarten.

Nicht zum klassischen Text des Vaterunsers, aber zu dem Predigttext gehört diese Aussage des Vergebens.

Jesus hat es seinen Jüngern mit auf den Weg gegeben. Bei aller Vollmacht und Verheißung, die er ihnen zugesagt hat, weiß er um diese Gefahr. Manche denken es, andere sagen es laut und andere ziehen sich beleidigt zurück. „Was der mir angetan hat, dem verzeihe ich das nicht.“  Dieser so starke Satz schadet dem Menschen selbst mehr, als er sich vorstellen kann. Er denkt, den anderen damit zu strafen und straft sich selbst. Da ist dann nicht mehr viel mit „Unser Vater“ und ob ein „Mein Vater“ übrig bleibt bezweifle ich.

Wo das „Unser“ nicht mehr gelebt wird, gerät das „Mein Vater“

schnell zu einem Exklusivanspruch.  Da hat dann der andere nicht mehr viel Platz. Und Gott wird schnell missbraucht, um sich selbst ins richtige Licht zu rücken. Ich bin ok. Nur die anderen sind es nicht.

Wer also dieses Gebet ernst nimmt, kommt in Beziehung zu sich selbst, so bin ich! Mit Dank.

Zu Gott, er ist mein Vater. Mit Hoffnung.

Und zum Nächsten, er ist wie ich. Mit Mut.

Mein Hinweis, ganz bewusst dazusitzen, gilt noch. Haben wir beim Hören eine Veränderung wahrgenommen, konnte jeder ganz entspannt sein, hat sich Widerstand geregt?

Ob wir es für uns langsam formulieren, oder wenn wir es das nächste Mal mit anderen beten, es wird ganz neu klingen.